D-CZ-AUT Grenzerfahrung 2010

8 Aug

Sonnenaufgang über dem Böhmerwald

Zu dritt in die Wildnis

Die Grenzerfahrungs-Wochenenden im Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Österreich haben ja inzwischen Tradition. Am zurückliegenden ersten Augustwochenende fand die 2010er Ausgabe statt. In Begleitung von Moritz (-> Bergen, ->Nürnberg, Regensburg) und Ehsan (-> Bonn, ->Teheran) ging es also zurück in die alte Heimat, heraus aus dem Urban Sprawl, rein in die gefühlt infrastrukturlose Wildnis entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Man findet hier neben Luchs, Rothirsch und Fischotter unter anderem das westlichste Elchvorkommen Mitteleuropas. Neben der obligatorischen Suche nach Forellen – „kannst ja mal schaun ob es da Fische gibt“ – stand vor allem die körperliche (modern würde man Hiking sagen) Ertüchtigung in Verbindung mit mannigfaltiger Einkehrkultur auf dem Programm.

Eine Kleinstadt mit Weltkulturerbestatus

Der noch leicht verregnete Freitag wurde mit einem Besuch der Weltkulturerbestadt Cesky Krumlov (auf deutsch böhmisch Krummau) verbunden. Am Fußgängergrenzübergang Haidmühle / Nove Udoli fährt von tschechischer Seite eine Regionalbahn durch die urwüchsigen und dünnbesiedelten Moldauauen hin zur schmucken mittelalterlichen Stadt mit ihrer imposanten Lage an zwei Moldauschlingen. Der Blick aus dem Zugfenster zeigt schnell, dass man trotz nur weniger Kilometer Abstand zur deutschen Grenze in einer völlig anderen Welt ist.  Aber positiv gesehen, denn man wird von Natur und Bewohnern schnell in den Bann geschlagen. Krummau selbst hat dem Weltkulturerbestatus (ich berichtete hier schon einmal über die Stadt) einen regen Zufluss internationaler (auffällig: japanischer) Touristen zu verdanken. So das fast schon Prager Verhältnisse herrschen. Und das ist jetzt nicht unbedingt positiv zu verstehen, denn dafür wurde ein Stück Ursprünglichkeit geopfert. Dennoch ist Krummau immer noch eine der schönsten mitteleuropäischen Kleinstädte. Um so überraschender war es dann, in der Schankhalle der Eggenberg Brauerei v.a. tschechische Besucher zu treffen. Aufgrund des Regens und eines verpassten Zuges war genügend Zeit die Speisekarte einmal quer zu essen bzw. zu trinken. Hervorragend. Im Übrigen: Wer diese sehr empfehlenswerte Tour irgendwann selbst unternehmen will sollte die Zugfahrpläne im Auge behalten, denn die Züge fahren nur alle 4 Stunden und am Abend nicht mehr bis zur Grenze. Aber so eine Nachtwanderung im Nationalpark Sumava ist auch mit Freuden verbunden. Dazu später mehr.

Moritz

Ehsan

Krummau an der Moldau

In der Eggenberg Brauerei. Nach der ersten Hauptspeise erstmal zusätzliche Beilagen

Vom erfolgreichen tschechischen Tourismuskonzept

Samstags dann Programm im nördlichen Teil des tschechischen Nationalparks Sumava. Der größte Moorsee Tschechiens, im Moorgebiet Chalupská slať, danach durch die auf 1050m Seehöhe liegende Hochfläche von Modrava hin zum Tal der Vydra (Weitra), einem der schönsten Wildwasserflüsse Böhmens. Rubinrot gefärbt zeigt sich das moorige Wasser zwischen den abgerundeten Felsblöcken. Dazu muss man aber den breiten bequemen Spazierweg entlang des Ufers ausblenden, der von einer Menge einheimischer Touristen frequentiert wird. Überhaupt muss man sagen: Der Nationalpark Sumava ist in den Sommermonaten zehnmal so stark frequentiert wie der Nationalpark Bayerischer Wald. Vor allem von Tschechen selbst. Die sich in ihrer Freizeitgestaltung erstaunlich aktiv zeigen, Mountainbiking, mehrtägige Wandertouren etc. Sie tragen viel zur Atmosphäre in den Orten entlang des Parks bei. Die Terrassen der Gasthöfe sind voller Leben und man fühlt sich wohl, auch wenn man kaum etwas von der Sprache versteht. Es scheint auch ein relativ umweltverträglicher Tourismus zu sein, die Pensionen und Hotels fügen sich durch ihre traditionelle Bauweise gut ins Landschaftsbild ein. Deutsche fehlen oft völlig. Eigentlich unverständlich, denn der Naturraum auf tschechischer Seite ist durchaus sehenswert. Und manch ein Deutscher der vom Tourismus lebt, könnte sich von diesem tschechischen Weg eine Scheibe abschneiden und den Bayerischen Wald aus seinem Rentnerreisezielklischee herausholen.

Der Wildfluss Weitra

Das Gambrinus ist das Ziel

Tag drei galt dann wieder einer Zugfahrt bis zu den Anfängen des Moldaustausees nahe Nova Pec (Neuofen). Von dort ging es 25km über den Bärenpfad (dort wurde 1863 der letzte Braunbär des Böhmerwaldes erlegt) und einige Umwege nach Jeleni Vrchy (Hirschbergen). DIeser hochgelegene Ort am Ende eines malerischen Seitentales der Moldau liegt am Schwarzenbergischem Schwemmkanal, einem Kanalsystem aus kleinen Stauseen und Kanaleinheiten, welches im 19. Jahrhundert gebaut wurde, um die Europäische Hauptwasserscheide (Schwarzes Meer, Nordsee) zu überwinden und Holz aus dem Böhmerwald bis nach Wien zu transportieren. Der Bärenpfad tangiert immer wieder Fesltürme an denen die Wollsackverwitterung von Granit sehr gut nachzuvollziehen ist. Auf einer kleinen Lichtung konnten wir den seltenen Dreizehenspecht beobachten. Weiterhin führt der Weg über die sogenannte Fabrikstraße nach Stozec (Tusset), dem ersten bewohnten Ort östlich der Grenze. „Pstruh“ der zentrale Gasthof lädt zu einem kühlen Gambrinus Bier (oder mehr) ein und auch die Speisekarte (Tusset- oder Böhmerwaldpfandl) ist nicht zu verachten. Wenn man in der lebendingen Atmosphäre lang genug verweilt, hat man die Möglichkeit beim nächtlichen Rückweg zur Grenze einen atemberaubenden Sternenhimmel zu erleben. Denn mangels größerer Ortschaften ist kaum Lichtverschmutzung gegeben, so dass sich die vollständige Leuchtkraft der Milchstraße offenbart.

Das Leid mit dem Polfilter

Die nachfolgenden Bilder sind mit Polfilter entstanden. Mittlerweile ist mir der Effekt fast zu stark. Aber manchmal muss man eben auch Postkartenfarben produzieren…

Moorsee Chaluspka Slat

Jeleni Vrchy Hirschbergen

Jeleni Jezero

Zurück in die Stadt

So endeten einige Tage in der Abgeschiedenheit dieser stillen Mittelgebirgsgegend. Von den bis zu 1500m aufragenden Gipfeln des Bayerisch-Böhmischen Grenzgebirges führte die lange Fahrt wieder zurück in die urbane Lebendigkeit des Köln-Bonner Raums.

Hoher Bogen mit Nebelkranz

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