Fotografie: Unbekannte Nachbarn – Tschechien und Bayern

9 Apr

Ist das Herz Europas bereits vereint?

Am 23. Dezember 1989 wurde der „Eiserne Vorhang“ an der Bayerisch-Tschechischen Grenze geöffnet. In Nové Domky/Neuhäusl bei Waidhaus durchtrennten die beiden damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Jiří Dienstbier symbolisch den „Eisernen Vorhang“. Noch am Grenzzaun sagt Hans-Dietrich Genscher: „Die Bürger haben nur ein Ziel: in Frieden, Demokratie und Freiheit zu leben.“ Er bekräftigt, dass „von deutschem Boden … nie wieder Krieg ausgehen“ werde. Geschichtsträchtige Worte, deren Wert durch aktuelle Ereignisse in Frage gestellt werden könnten. Doch davon soll jetzt nicht die Rede sein. Böhmen und Bayern – uralte Nachbarn die durch eine schwer zu überwindende Grenze fast ein halbes Jahrhundert lang getrennt waren. Vertreibung und nationalsozialistischer Terror haben das Denken über den jeweiligen Nachbarn lange beeinflusst. Das Hindernis des Kalten Krieges ist nun seit 20 Jahren beseitigt, doch wie steht es im Nahbereich diesseits und jenseits der Grenze um die Hindernisse in den Köpfen der Menschen? Diese Frage ist es wert erörtert zu werden, insbesondere unter dem Eindruck eines vereinten Europas und der bevorstehenden Euro-Einführung in Tschechien. Ist man in den vergangenen beiden Jahrzehnten wieder vertrauter geworden, oder spaltet immer noch eine Kluft das Herz Europas? Viele Recherchen wären nötig hierfür – doch ein kleiner Anfang ist gemacht. Mit dem Auto durch den Böhmerwald/Sumava auf tschechischer Seite, immer jene Straßen folgend, welche am nächsten zur Grenze liegen. Beginnend am Grenzübergang Waldmünchen 200km  bis hin zum Übergang Strazny/ Philippsreut. Eine Fahrt mit der Kamera in Bereitschaftshaltung stets auf dem Beifahrersitz – denn die Schönheiten und Besonderheiten dieses Landstriches wollen oftmals erst entdeckt werden. Sie sind nicht von großer sprachlos machender Natur, viel mehr erreicht einen der Reiz der Landschaft auf leisen Sohlen und nimmt schlägt einen mit seiner Ursprünglichkeit in den Bann.

Die Fahrt führte von Waldmünchen unter den dunklen Berghängen des Schwarzkopf/Cherchov durch das Land der Choden im Kreis Domazlice hinein in die Tiefen des Nationalparks Sumava an der Ostseite des bayerisch-böhmischen Grenzgebirge. Im Schatten von Arber, Rachel und Lusen breitet sich in 900-1000m eine ausgedehnte Hochfläche aus. Dort hat sich in abgelegenen Weilern viel von der Ursprünglichkeit des Böhmerwaldes erhalten. Die Landschaft erschien karg, frisch aus dem grimmigen Griff des Winters entlassen, denn der Schnee liegt hoch in diesen Winkeln, meterhoch jedes Jahr. Letztendlich führte die Tour dann entlang der jungen Moldau bei Philippsreut wieder auf die Deutsche Seite, in das Gebiet in denen der goldene Steig ein uraltes Symbol für die Handelsbeziehungen zwischen Ost und West ist. Ein paar Eindrücke dieses ersten Durchstreifens der Geschichte und Gegenwart des Grenzlandes soll hier vorgestellt werden.

Der Böhmerwald – erst durch die Trennung des Kalten Krieges auf den tschechischen Cesky Les, den deutschen Bayerischen Wald und den österreichischen Hochwald aufgeteilt ist das zweithöchste Mittelgebirge Deutschlands. Die höchsten Erhebungen sind der Arber (1456m) und Rachel (1453m) auf deutscher und der Plöckenstein (1368m) und Kubany auf tschechischer Seite. Charakterisiert wird das Gebiet durch kontinentale Witterungseinflüsse und langwährende grimmige Winter mit meterhoher Schneeauflage. Hier sagt man „ein halbes Jahr ist Winter und sechs Monate ists kalt“. Die beiden benachbarten Nationalparke Bayerischer Wald und Sumava führten zu einer erhöhten Touristenfrequentierung, nachdem die Gebiete über viele Jahre hin weg totale Peripherie des Kalten Krieges waren. Es wäre noch viel zu schreiben von den Eigenheiten dieses Landstriches und seiner Bewohner, aber das würde den Rahmen hier sprengen. Diese Karte verdeutlicht den Mittelgebirgscharakter des Reliefs.

In der Mitte ist das ausgedehnte Hochplateau zu erkennen. Gut auszumachen sind auch das Donautal im Südwesten und die Moldau samt ausgedehntem Moldaustausees im östlichen Bereich des Gebirges. Die Tour führte einmal entlang des Hauptkammes auf tschechischer Seite wie die fotografischen Eindrücke verdeutlichen.

Schloss nahe des Grenzübergang Waldmünchen. Eigentlich in einem recht guten Zustand. Ein großer Teich und die immer auf böhmischen Boden präsenten Granitfiguren verstärkten den harmonischen Eindruck dieses Bauensembles.

Ebendieses Schlossgebäude aus größerer Entfernung aufgenommen, um die Ausdehnung der Anlage zu verdeutlichen.

Sonderbare Granitfindlinge in einem Teich nahe „Babylon“

Da ist das Sündenbabel auch schon wieder vorüber. Der Ort birgt eine ausgedehnte Badeanstalt mit interessanter antiker hölzener Gebäudestruktur. Wenige Kilometer weiter liegt der Grenzübergang Furth im Wald. Und wo die Deutschen die Grenze überschreiten finden sich Casinos, Puffs und Vietenamesenmärkte. Eigentlich Schandflecken für diese Landschaft. Aber zum Glück befriedigen sich Angebot und Nachfrage im engsten mit dem Auto erreichbaren Grenzradius.

Ein Überbleibsel der zu Sowjetzeiten intensiv betriebenen Kolchosenlandwirtschaft

Innenraum der vorbildlich renovierten Kirche von Sv. Katerina. Viele der Gotteshäuser wurden mit den Geldern ehemals deutscher Bewohner renoviert, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Die Bausubstanz der Gebäude insgesamt ist eher schlecht – was aber den Vorteil hat, dass sich dort Bauten erhalten haben, die in Deutschland längst abgerissen worden wären.

Hier sieht man direkte Spuren deutschstämmiger Lebenskultur vor der Vertreibung. Unter der tschechischen Beschriftung kommt im Zuge des Verfalls der deutsche Schriftzug „Gasthof“ zum Vorschein. Daneben war noch „Fleischhauer“ zu lesen, ein Hinweis darauf, dass Böhmen ein Teil der Habsburger Donaumonarchie war.

Schönes Holzhaus gegenüber des ehem. Gletscherkars in dem der Schwarze See liegt.

Die Otava entwässert Teile der Hochebene. Der Winter gibt seine Stellung nur zögerlich dem beginnenden Frühling preis.

Die Weitra/Vydra ist ein beeindruckender Wildwasserfluss in dem die tosenden Wasser über mannsgroße Granitblöcke rauschen.

Der Weiler Modrava duckt sich mit seinen Häusern im Böhmerwäldler Stil am Abend unter die dunklen Waldhänge des Rachels.

Panorama von einem Aussichtspunkt im Nationalpark Sumava. Grau und braun präsentiert sich die erst vor kurzem von der Schneedecke befreite Natur. Doch dieser Ort birgt meiner Meinung nach großes fotografisches Potential und wird nochmal Ziel eines meiner Ausflüge werden, wenn die Vegetation und der Himmel stimmen.

Die Bilder sind per Klick zu vergrößern. Die Bearbeitung fand mit der Retro Film Aktion von Fallout75 statt, die meiner Meinung nach gut die reale Atmosphäre unterstreicht. Eine Downloiadmöglichkeit der Aktion findet sich hier.

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